Pressemitteilung

29.09.2026

Demut- Bescheidenheit und Selbstreflexion

Foto: Pro Xeno

DEMUT ist eine innere Haltung der Bescheidenheit, bei der ein Mensch sich selbst realistisch einschätzt, die eigenen Grenzen anerkennt und anderen mit Respekt begegnet.

Ein Tag im Juli. Ich begleite eine junge Frau zur Asylvorbereitung, eine Anwältin fragt nach Herkunft, Familie und Flucht. Ich höre unglaubliche Geschichten von Armut und Krieg, Abschieden und Verlust. Sehr traurig und verzweifelt klingt dies, die hilflose Betroffenheit am Tisch ist bei allen spürbar. Von draußen scheint die Sonne ins Zimmer, eigentümlich unpassend wirkt dies. 

Draußen vor der Tür muss ich mich sortieren, die Gedanken fließen. Ich beobachte die Vorübergehenden. Wie so oft in Berlin wirken viele hektisch, gereizt, irgendwie unzufrieden. Und gibt es dafür nicht auch genug Gründe: Der Nahverkehr kommt immer wieder zu spät. Fahrräder und Autos beschimpfen und gefährden sich gegenseitig. Beim Arzt muss man ewig warten, trotz Termin. Die neue Waschmaschine wird erst in zwei Wochen geliefert. Das W-Lan funktioniert wieder nicht richtig. Die Müllcontainer werden seit Tagen nicht geleert. Jede*r kennt und erlebt diese Momente von Ärger und Ohnmacht über dieses und jenes. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, anderen gegenüber ohne Grund benachteiligt zu sein, wieder einmal Pech gehabt zu haben.
Was mir dann hilft, immer wieder und seit vielen Jahren: Die tägliche Arbeit mit unseren jungen Menschen, das Wissen um deren Geschichten, Schicksale und Hoffnungen. Das gemeinsame Bestreben, den Widrigkeiten zu trotzen und dabei mitzuhelfen, dass es allen in unserer "Pro Xeno-Oase" gutgeht und es für sie später eine Zukunft gibt: Mit einem Schulabschluss, einem Aufenthaltstitel, vielleicht sogar einer eigenen Wohnung.

Natürlich gelingt das nicht immer. Es gibt Erfolge, über die man sich zusammen freut. Aber ebenso Enttäuschungen, die man nicht ändern kann und aushalten muss. All diese Erfahrungen erden mich und machen bescheiden. Und öffnen den Blick dafür, was wirklich wichtig ist und wie privilegiert ich bin. Mit einem spannenden Job, einer tollen und gesunden Familie, einer gemütlichen Wohnung und langen Urlauben am Meer. Und immer bin ich dann auch ein wenig beschämt über die vermeintlichen Ärgernisse im Alltag, die letztlich doch oft nur unglaublich belanglos sind.

An jenem Abend im Juli gibt es zu Hause dann tatsächlich wieder kein Internet, der geplante Serienmarathon fällt aus, der Sohn grummelt. Und ich drücke einfach meine Lieben und bin: voller Demut.       
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Text: Dennis Oelze, Pro Xeno