06.01.2026
Konsequenz statt Strafe?
Fehler haben Konsequenzen, oder?
Unser gesellschaftliches Bild von Erziehung entwickelt sich fortwährend: Während in einer autoritativen Vorstellung von Erziehung Fehler bestraft werden müssen – eine Einschränkung, die mit Macht und Gewalt durchgesetzt wird – hat sich unsere Vorstellung über den Umgang mit unerwünschtem Verhalten verändert. Wir wollen nicht mehr strafen, aber Fehler haben Konsequenzen.
Damit ist gemeint, dass eine gewisse Handlung in direkter Folge zu einer Ursache steht:
Fasse ich auf die heiße Herdplatte, verbrenne ich mich, ziehe ich im Winter keine warme Jacke an, friere ich, schwänze ich die Schule, bekomme ich Fernsehverbot – Moment, hier gibt es ja keinen logischen Zusammenhang. Was hat denn Schule mit Fernsehen zu tun? --> Auch wenn es vorher so angekündigt war, dann ist es zwar konsequent – aber eben eine konsequente Strafe. Hier wird ganz klar Macht ausgeübt, welche die Freiheit des anderen einschränkt – das wird auch nicht besser, wenn es transparent gemacht wird. Einzig die Pädagog*innen können sich hier ein Stück weit aus der Verantwortung ziehen: „Ich habe dich gewarnt, du bist selber schuld, so sind die Regeln.“
Wenn Strafen als Konsequenzen getarnt werden, sind sie unwiderruflich. Einmal ausgesprochen, muss ich mich als konsequente Erziehungsperson auch daran halten, auch bei „mildernden Umständen“ oder Einsicht. Wenn die dritte Abmahnung zum Hilfeende führt, habe ich keine Wahl, als die Hilfe zu beenden, auch wenn sie eigentlich gut läuft. Nachgeben wäre inkonsequent, man würde (angeblich) an Glaubwürdigkeit und letztlich an Autorität, Macht oder Respekt verlieren. Das stimmt natürlich nicht: Wohlwollen und Nachgeben sind auch Zeichen von Vertrauen, und da, wo ein Kind seiner Erziehungsperson vertraut, wird es für das Kind sehr viel schwieriger sein, diese zu enttäuschen.
Neurobiologisch können wir gut erklären, dass Strafen kein geeignetes Mittel sind, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Strafen wirken letztlich nur über das Angstsystem – Angst unterdrückt aber immer nur kurzzeitig Verhaltensimpulse. Sinkt der Angstpegel, sinkt auch die Kontrolle. Damit eine Erziehung über Strafen wirksam ist, braucht es also eine beständige Strafandrohung, um das Angstlevel hoch genug zu halten. Da aber auch Angst einen Gewöhnungseffekt hat, müssten die Strafen bzw. deren Androhung zudem immer härter werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Permanente Strafe führt letztlich eher zu Abstumpfung gegenüber Strafen, als zu einer wirksamen Veränderung des Verhaltens.
Wichtig ist daher, dass Kinder und Jugendliche eine Konsequenz/Sanktion/Strafe als gerecht und als Lernanregung erleben – ohne Beschämung, ohne Ohnmacht, ohne Zwang. Wenn wir den Anspruch haben, mit Vertrauen und wenig Macht zu erziehen, dann brauchen wir Geduld, Beharrlichkeit und eben Vertrauen in die Entwicklung und Ressourcen der jungen Menschen. Nachsicht und Verzeihen sind an der ein oder anderen Stelle sicherlich wirksamer als die nächste „Konsequenz“.
-ein erster Impuls aus meiner Fortbildung zum Thema „Das bringe ich wieder in Ordnung!“ - Die Wiedergutmachung im Kontext der Schule & Jugendhilfe