08.01.2026
Wiedergutmachung statt Konsequenz
Wo Menschen aufeinandertreffen, entstehen immer auch Konflikte und daraus Verletzungen oder Schäden. In unserer professionellen Arbeit kann das schnell auch zu Ratlosigkeit führen – gerade mit jungen Menschen, die uns mit ihrem Verhalten immer wieder herausfordern. Sanktionen und Konsequenzen helfen oftmals nicht weiter oder führen schließlich zu einem Hilfeabbruch. Genau, was wir nicht erreichen wollen, wenn unsere Betreuung verlässlich sein soll. Gerade in Gruppenkontexten kommen hierbei oft auch die Geschädigten zu kurz, da sich alle Bemühungen auf die Schädiger*innen und die Veränderung ihres Verhaltens konzentrieren.
Unsere Maxime sollte sein: „Wo Schaden entsteht, muss Entschädigung sein.“ Dabei ist das Ziel, dass die Schädiger*in Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen kann und die Geschädigte Wiedergutmachung erfährt – wobei sie letztlich entscheidet, wann es auch wirklich „wieder gut ist“.
Wir können Wiedergutmachung als Prozess und Methode begreifen, in welcher alle Parteien eines Konflikts auf Augenhöhe und ohne Beschämung eingebunden sind und erfahren, dass die verantwortlichen Fachkräfte sie in wachsamer Sorge begleiten und ernst nehmen. Die Fachkräfte tragen dabei die Verantwortung für die Durchführung und Leitung des Prozesses und vor allem für die Aufrechterhaltung der Beziehung zu beiden Parteien.
Mit der Verursacher*in des Schadens wird versucht, ihr Verhalten zu verstehen, ohne sie als Person abzuwerten, und so eine „Rampe der Einsicht“ zu bauen, sodass sie Verantwortung übernehmen und in der Folge alternative Strategien entwickeln kann. Wichtig für den Prozess ist die ganz individuelle Erarbeitung einer Geste zur Wiedergutmachung an die geschädigte Person, welche die Heilungsabsicht des verursachten Schadens deutlich macht.
Parallel muss immer auch mit der geschädigten Person gearbeitet werden; sie muss in ihrer Verletzung ernst genommen werden. Dabei lässt sich gemeinsam herausfinden, was sie braucht, für Versöhnung oder neues Vertrauen oder eine bessere Atmosphäre, sodass der Schaden wieder gut ist.
Es liegt bei den zuständigen Fachkräften, alle Beteiligten möglichst zeitnah mit Gesprächen (einzeln und/oder gemeinsam) durch einen Prozess zu führen, der transparent, konsistent und lösungsorientiert ist. Dranbleiben, Beharrlichkeit, Zuversicht, Verlässlichkeit und Empathie sind dabei die Basis für ein Gelingen. Die Herausforderung für die Fachkräfte dabei ist sicher, stets konstruktiv und wertschätzend zu bleiben, und menschenwürdig Scham auszulösen, ohne zu beschämen.
Wiedergutmachung statt einseitige Konsequenzen schafft so einen Ausgleich und kann Beziehungen wieder in Balance bringen. Sie bietet zudem die Chance echter Einsicht und Reue, sowie einer nachhaltigen Verhaltensänderung und Gewaltprävention.
-ein weiterer Impuls aus meiner Fortbildung zum Thema „Das bringe ich wieder in Ordnung!“ - Die Wiedergutmachung im Kontext der Schule & Jugendhilfe
Text: Marco Wille, BEW Wuhlheide